If it was so, it might be; and if it were so, it would be; but as it isn’t, it ain’t” | VBKÖ | jan 16–feb 8 2019

Legends of… (dtv-Atlas zur Weltgeschichte) | Collage on Paper and wallpaper | Installationview at VBKÖ

 

16. January – 08. February, 2019

Eröffnung / Opening: 16. Jänner, 18:00

at VBKÖ Vienna

‚At the center of the world there is a fiction; a fictional piece of land a meter wide by a meter long. It has not been thrown up from the depths; not from the violence of lava bursting up and cooling, though there is violence in its history. It is called Null Island, and you cannot travel there.‘ Jon K Shaw and Theo Reeves-Evison

Künstlerinnen/ Artists: Sophie Dvořák und Andrea Salzmann

Öffnungszeiten / Opening Hours:
Freitag und Samstag
Friday and Saturday: 16:00 – 19:00
**Oder nach Vereinbarung / Or by arrangement

Wenn sich zwei Künstlerinnen wie Andrea Salzmann und Sophie Dvořák in ihren Arbeiten mit Fragen der Repräsentationskritik auseinandersetzen – Salzmann zum Beispiel mit der Darstellung institutioneller politischer Machthierarchien in Organigrammen und Dvořák mit den verschiedenen Modi des Kartierens geografischer oder historischer Räume, dann steht nicht nur zur Diskussion wie gut oder angemessen die entsprechenden Felder dargestellt und abstrahiert werden; vielmehr scheint die Frage einer Politik des Visuellen zu gelten – einer Praxis, die darin besteht, mit Formen des Sichtbarmachens von Realitätsvorstellungen Politik zu betreiben oder das implizit politische Moment auszublenden. Die politische Dimension der Repräsentation beginnt nicht erst bei der Frage, ob der entsprechende Gegenstand von politischer Bedeutung ist, sondern sie ist dieser schon immanent: Da ein Thema erst durch Repräsentation zum Gegenstand von Politik werden kann, stellt sie schon den ersten politischen Akt dar. In diesem Sinne ist Repräsentation der Politik immer schon inhärent und Repräsentationskritik untrennbar mit einer Kritik an den verschiedenen Modi, mit der Darstellung von Themen Politik zu betreiben, verbunden. Die Ausstellung der beiden Künstlerinnen macht explizit, dass den vermeintlich objektiven Darstellungen von Realität schon ein (repräsentations-) politischer Akt vorausgeht, der allzu oft und in der Regel (gerne) vergessen oder ausgeblendet wird. Sie reflektiert, dass die repräsentierte Realität immer nur das Produkt von Repräsentation ist, die ihren Gegenstand nicht abbildet sondern erst hervorbringt. Sie insistiert darauf, dass zwischen der Repräsentation und ihrem vermeintlichen Gegenstand ein unstillbarer Abstand liegt, der sich nicht nur in den verschiedenen Möglichkeiten dessen Darstellbarkeit äußert sondern auch in deren infiniter Korrigierbarkeit: eine Distanz – oder »Null Island«, von der in ihrem Text zur Ausstellung die Rede ist, die garantiert, dass die Repräsentation ihren Gegenstand immer verfehlt, weil sie ihn nicht nur repräsentiert sondern zugleich generiert. Nicht die Repräsentation ist fiktiv sondern der Gegenstand, den sie sich als gegeben und repräsentierbar vorstellt. Der Titel der Ausstellung macht dies explizit: ‘if it was so, it might be; and if it were so, it would be; but as it isn’t, it ain’t.”

Landkarten und Atlanten zählen zu den Repräsentationsmittel, mit denen sich Dvořák in einigen ihrer Arbeiten auseinandersetzt. Ein bloßer Blick auf Landkarten reicht aus um sehen zu können, dass diese wesentlich darauf basieren, den Großteil des Dargestellten wegzulassen, auszublenden oder unter ein abstraktes Zeichen zu subsumieren, um dann die Verzerrungen durch die Angabe des Maßstabs als objektivierbare Größe erscheinen zu lassen und über die Anrufung wissenschaftlicher Korrektheit zu legitimieren. Das implizit politische Moment, sich durch die Vermessung der Landschaften und Räume ein Bild zu machen, um dann auf Basis der kartierten Verzerrungen Entscheidungen zu treffen, wird selten explizit gemacht. Die ausgeblendeten und verschwundenen Details im Bild spielen dann für die verzerrten Entscheidungen keine Rolle mehr und sind für den Maßstab nicht mehr maßgeblich. Die Kritik an dieser Repräsentationspolitik zielt in den Arbeiten von Dvořák aber nicht darauf ab, anstelle des irreführenden Bildes nun ein richtiges zu setzen, sondern das politische Moment schon in der Darstellung selbst zu erkennen. Nicht der Maßstab ist falsch sondern die Vorstellung, dass der Maßstab nur eine neutrale und objektivierbare Größe wiedergeben würde. Das Abstrahieren, das der Repräsentation notwendig inhärent ist, stellt schon eine politische Perspektive dar – eine Entscheidung, die darauf basiert, etwas buchstäblich herauszuziehen und anderes wegzulassen. Die Entscheidung für die eine oder andere Karte, für diesen oder jenen Maßstab, etabliert bereits vor der Anfertigung der Karte eine Vorstellung von räumlichen Beziehungen – legt fest, was aufgenommen wird und was nicht. Was sie leistet, ist die Visualisierung einer Vorstellung, sie liefert ein sichtbares Bild für ein Feld, das sich gerade der Sichtbarkeit entzieht. Das ist der blinde Fleck in jedem kartographischen Bild. Es vergisst hinzuzufügen, dass man nicht sehen kann, was man nur durch die Kartierung sehen kann. Im Kontext einer repräsentationskritischen Praxis wie jener von Dvořák zielt die Kritik auf eine Politik, die verlernt hat die maßgeblichen Verzerrungen zu sehen, die sie als Basis ihrer vermeintlich objektiven Entscheidungsgrundlagen betrachten will. Die Karte des zu gehenden Weges eilt dem Schritt schon voraus. Was nicht eingezeichnet ist, liegt am Weg politisch nur im Weg. Der Weg, der seinem kartierten Bild nicht entspricht, erscheint abwegig, als Irrweg und Hindernis. Karte und Weg haben die Rollen getauscht. Nicht die Karte soll den Weg abbilden, sondern der Weg die Karte repräsentieren.

Dieser Rollentausch im Kontext einer Politik der Darstellung, in der das Repräsentierende nun das Repräsentierte ersetzen soll, meldet sich auch in der Wahrnehmung politischer Mandate und in den institutionskritischen Arbeiten von Salzmann zu Wort. Organigramme, die ein Regelwerk demokratischer politischer Macht- und Entscheidungsstrukturen vermitteln sollen, stehen ungeachtet der Person für Aufgaben und Ämter, die je aufs Neue offen sein sollen für jene, die dafür gewählt werden diese zu übernehmen. Wesentlich ist dafür die Austauschbarkeit oder Ersetzbarkeit der gewählten Personen: Hinter jedem Porträt, das ein Rollenbild temporär ausfüllt, liegt schon ein nächstes, noch nicht gewähltes und gezeichnetes Konterfei, ein Bild, das wesentlich unbestimmt bleiben sollte, ein konstitutiv leeres Bild, das den alternierenden Porträts immer schon vorauseilt. Für einen Politikbegriff, der sich auf (gewählte) Repräsentation stützt, ist das leere Bild entscheidend, ja eine Garantie dafür, dass die Rolle immer nur repräsentiert aber nicht endgültig besetzt oder ausgefüllt werden kann. Die Inkongruenz von je aktuellem Konterfei und leerem Bild ist konstitutiv für einen demokratischen Politikbegriff – mithin Ausdruck für die Kontingenz als notwendige Bedingung von Politik und für den optionalen Charakter, der einem politischen Verhandeln vorausgehen und jeglicher politischer Entscheidung innewohnen muss. Die entsprechenden Regularien regulieren nicht nur die Aufgaben und Hierarchien der damit verbundenen Entscheidungsmacht sondern auch, dass die jeweils einzusetzenden Bilder grundlegend unbestimmt bleiben. Die repräsentationskritische Entscheidung von Salzmann, Organigramme mit Spiegeln zu gestalten, die für jedes mögliche Porträt offen stehen, zielt nicht nur auf partizipatorische Perspektiven, in denen sich jede Person selbst in einem möglichen Rollenbild und Amt (reflektiert und repräsentiert) sehen könnte, sondern sie insistiert geradezu auf die konstitutiven Leerstellen, die sich immer wieder öffnen, um anderen Konterfeis Platz zu machen. In diesem Sinne liegt das politische Moment, das die Organigramme vor allem repräsentieren in der Forderung, dass die politischen Rollen immer über die je spezifischen Porträts hinausragen. Im Kontext der aktuellen (repräsentations-) politischen Entwicklungen und Selbstdarstellungen erscheint aber mancherorts das Amt als Repräsentation der Person, die dieses innehat – als Bild einer Persönlichkeit, die nicht primär ein Amt übernimmt sondern von diesem repräsentiert wird. Die repräsentations -kritische Geste von Salzmann besteht darin, mit den Spiegeln den Blick auf die unstillbare Leere und die wesentliche Inkongruenz von je aktuellem Antlitz und Rollenbild wieder sichtbar zu machen. Die Tatsache, dass sie zwei Organigramme verschiedener politischer Machthierarchien in einer Rauminstallation einander gegenüberstellt und alternierend Lichtstrahlen auf die Spiegel wirft, erzeugt einen politischen Zwischenraum, der zusätzlich durch ein musikalisches und textliches Narrativ strukturiert wird. In diesem Zwischenraum entspannt sich ein Begriff von Politik, der die hierarchischen Ordnungen reflektiert und das politische Moment mit den Strukturen selbst in Verbindung bringt – mithin deren kontingenten und optionalen Kern beleuchtet. Betreten die Besucher*innen diesen Zwischenraum, intervenieren sie unweigerlich, indem sie die Lichtstrahlen unterbrechen und ein Bild performen, das nicht in die institutionalisierten Ordnungen passt. Diese Inkongruenz zwischen Politikbegriff und institutionalisierter Repräsentation von Politik eröffnet einen Blick auf die Leerstelle, die der Politik immer schon vorauseilt und diese unstillbar herausfordert und hervorbringt.

Andreas Spiegl

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